Ein Freund der Unternehmerfamilie erinnert sich an die Anfänge der Allresist GmbH und beschreibt den Aufstieg zum Weltmarktführer als Mikroelektronikausrüster.
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Richtfest bei der Allresist GmbH, die sich aufgrund der guten Auftragslage zum Bau einem neuen Logistikgebäude veranlasst sieht.
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Spätsommersonne. Ein Richtkranz. Ein paar Dutzend fröhliche Leute. Staubiger Baustellengrund. Tische und Bänke. Duftendes Catering. Reden am Mikrofon. Gespräche, Umarmungen und Schulterklopfen.
Strausberg, Am Biotop 14, 15. September. Die Firma Allresist feiert Richtfest an ihrem zweistöckigen Neubau. Es ist das dritte Gebäude auf dem Grundstück. Gedacht für Logistik, Lagerraum und Büros. Nach zwei ebenerdigen ist es das erste mit zwei Etagen.
So hoch hinaus haben sie sich bisher noch nicht gewagt. Gebäudemäßig. Was die Qualität betrifft, ist das „Hoch hinaus“ längst Realität. Mit „Medusa 84 SiH“ steht die Firma im Finale um den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2027. Die Jury hat „Medusa 84 SiH“ als echten „Treiber der Transformation“ eingestuft. „Medusa 84 SiH“ ist ein Öko-Resist – oder auch: Öko-Fotolack – für die Stabilisierung von Mikrochipstrukturen, der technisch brillant funktioniert und dabei vollständig ohne gefährliche Giftstoffe auskommt. Damit legen sie in ihrer Resistproduktion – so verkündet Seniorchef Matthias Schirmer am Mikrofon unterm Sonnendach in einem Ton, als sei es das Normalste der Welt – „das Fundament für die Technologie der Quantencomputer“. Im Gewerbegebiet Strausberg-Nord.
Es ist ein Tag zum Träumen. Auch für mich. Ich bin Zeuge einer ostdeutschen Familienunternehmensgeschichte, an der ich von Beginn an Anteil genommen habe. Wir sind befreundet seit Jahrzehnten, die Firmengründerin Brigitte Schirmer, der Firmengründer Matthias Schirmer und ich.
Ich habe mit Hand angelegt, als sie wenige Tage nach der Gründung am 16. Oktober 1992 in der ehemaligen Wäscherei der von der Treuhand schon dem Verfall preisgegebenen Fotochemischen Werke Berlin (FCW) im Köpenicker Ortsteil Friedrichshagen die Wände strichen, um hier ihre erste Produktionsanlage aufzustellen. „Allresist“ hieß die Firma von Anfang an, und das darf getrost mit „Wir widerstehen allen Stürmen“ übersetzt werden.
Das Gebäude der Fotochemischen Werke Berlin (FCW) im Köpenicker Ortsteil Friedrichshagen
Ich bin mit Matthias Schirmer in derselben Straße und in spielerischer Nachbarschaft groß geworden, in den Fünfzigerjahren, in Leuna. Sein Vater Prof. Dr. Wolfgang Schirmer (1920-2005) war von 1953 bis 1962 Werkdirektor des VEB Leuna-Werke „Walter Ulbricht“. Das war mit 30.000 Beschäftigten der größte Industriebetrieb der DDR und mit den Chemiewerken in Schkopau, Bitterfeld und Wolfen das Herzstück der DDR-Chemie. Seine Mutter, Ursula Schirmer, spielte in Leuna eine geachtete Rolle als Mittlerin zwischen den so gänzlich unterschiedlichen, aus Vor- und Nachkrieg stammenden Generationen derer, die man „technische Intelligenz“ nannte.
Wolfgang Schirmer war Sozialist und 33 Jahre alt, als er an die Spitze berufen wurde. Um ihn herum ein Schwarm alter IG-Farben-Leute. Auf die Leuna-Jahre folgten von 1964 bis 1985 zwei Jahrzehnte als Direktor des Zentralinstituts für Physikalische Chemie der Deutschen Akademie der Wissenschaften (ab 1972 Akademie der Wissenschaften der DDR) – desjenigen Forschungszentrums, nebenbei bemerkt, an dem die spätere Bundeskanzlerin Angela Merkel 1986 ihren Doktortitel als Physikerin erwarb.
Firmengründung im Jahr 1992 in der ehemaligen Wäscherei der von der Treuhand schon dem Verfall preisgegebenen Fotochemischen Werke Berlin (FCW) im Köpenicker Ortsteil Friedrichshagen
In der nun schon 34 Jahre andauernden erfolgreichen Entwicklung der Allresist GmbH will mir scheinen, dass Wolfgang und Ursula Schirmer im Handeln von Sohn und Schwiegertochter viele schöne Spuren hinterlassen haben. Da war nie auch nur der Hauch einer Jetzt-aber-schnell-Geld-machen-Attitüde. Von Anfang an haben Brigitte und Matthias Schirmer eine Strategie verfolgt, die immer auf Langfristigkeit, mithin: auf behutsames, gründlich fundiertes, komplex gedachtes, eng mit wissenschaftlicher Forschung verknüpftes Wachstum gerichtet war. Und immer war klar, dass nichts funktionieren würde, wenn es nicht gelänge, ein Betriebsklima zu schaffen, in dem sich die Mitarbeitenden zu Hause fühlen und zu Höchstleistungen angespornt sehen würden.
„Geprägt von humanistischen Idealen“, sagt Brigitte Schirmer unterm Sonnendach, und alle, die gemeint sind, stehen vor ihr, und man kann in ihre Gesichter schauen und entdeckt kein zweifelndes „Na ja“, von Widerspruch ganz zu schweigen, „leben wir eine Unternehmenskultur auf Augenhöhe – für unsere Mitarbeiter, unsere Kunden, die Region und die Umwelt.“
Matthias und Brigitte Schirmer, ein Paar seit 1981, verheiratet seit 1983, sind beide Fachleute von der Pike auf. Matthias, Jahrgang 1954, hat 1980 sein Studium an der Humboldt-Universität als Diplom-Chemiker abgeschlossen und ist danach gleich im FCW in die Forschung eingestiegen. Brigitte, ein paar Jahre jünger, hat 1982, schon als Laborantin im FCW arbeitend, ihr Abitur in der Abendschule erworben und dann, weiter im FCW arbeitend, ein Fernstudium an der Ingenieurschule Berlin absolviert und nach fünf Jahren erfolgreich als Chemieingenieurin – das ist in Folge des Nachdiplomierungsverfahren der Titel Dipl.-Ing. (FH) – abgeschlossen.
So waren sie menschlich und fachlich bestens gerüstet, als sie 1992 die mutige und ganz ins Offene gehende Entscheidung trafen, ein eigenes Unternehmen zu gründen, um gemeinsam mit einigen schon langjährigen Mitstreiterinnen und Mitstreitern das von ihnen miterarbeitete, unter der DDR-Marke Orwo bekannte technologische Know-how der Herstellung von Fotolacken für die Mikroelektronik zu bewahren und eigenständig weiterzuentwickeln. Kunden aus der Mikroelektronik der nun verschwundenen DDR bildeten das lebenswichtige erste Fundament des Erfolges; Forschungskontakte in die Wissenschaft halfen, die Produktionsleistung zu stabilisieren und zukunftssicher zu gestalten.
Im Jahre 1999 zog Allresist von Berlin nach Strausberg, und auch das ist eine Geschichte, die zum Träumen darüber verleitet, was geworden wäre, wenn es statt Treuhand-Kahlschlag einen achtsamen, das Vorhandene anerkennenden, würdigenden und fördernden Umgang mit den gewaltigen Entwicklungspotentialen der in der DDR-Wirtschaft tätigen Menschen gegeben hätte. Unsere Freundschaft machte es, dass Anita Tack, PDS-Abgeordnete im Brandenburger Landtag und seit 1973 im Bezirk Potsdam und dann im Land Brandenburg Fachfrau für Stadt- und Regionalplanung, ihrem Parteigenossen Lothar Nicht, seinerzeit Wirtschafts-Beigeordneter in Strausberg, signalisieren konnte, dass da ein hochinteressantes Spitzentechnologieunternehmen aus Berlin eine neue Heimat sucht. Und so kam es zustande: das Abkommen der Stadt Strausberg mit der Allresist GmbH zum Bau des Firmensitzes und Produktionsstandorts Am Biotop 14.
Allresist ist ein Familienunternehmen, wie man es sucht, wenn man einen Film über ein Familienunternehmen, wie es im Buche steht, drehen will. Am 15. September ziehen am Mikrofon unter dem Sonnendach erst die Alten, die das Ganze gegründet und bis hierher gebracht haben, Bilanz, und dann sind die Jungen dran und sprechen über das Jetzt und Morgen, und zwischen den Tischen spielt die dritte oder, wenn man so will, vierte Generation.
Ulrike Schirmer, 1987 geboren, ist schon drin in der Geschäftsführung und wird sie nun bald ganz übernehmen. Mario Schirmer, ihr Ehemann, lenkt Allresist-seitig den Neubau, den als Baupartner die Goldbeck Nordost GmbH übernommen hat. Oliver Schirmer, Jahrgang 1986, arbeitet im IT-Bereich. Ulrike und Oliver sind – es ist, Verzeihung, eine typische DDR-Geschichte – zur Welt gekommen, als nicht nur Vater Matthias im FCW gearbeitet hat, sondern Mutter Brigitte, dazu noch im Fernstudium stehend, auch und sie beide außerdem ihren schon 1982 geborenen Erstling Stefan ins Leben führten – Stefan, der ganz ziel- und selbstbewusst in des Großvaters und Vaters Chemikerfußstapfen zu treten sich vorgenommen und als Chemiestudent schon den Blick aufs Mittun in der Allresist-Firma gerichtet hatte, als plötzliche Krankheit allem Planen und Lernen und Wünschen und Hoffen ein endgültiges Ende setzte.
Nun ist da seine Schwester Ulrike. Sie hat nicht Chemie studiert, aber zwei Abschlüsse, mit denen sie für ihre Leitungs- und Organisationsaufgaben gut gerüstet ist: einen Bachelor of Arts/Film- und Fernsehproduktion, erworben an der Filmuniversität „Konrad Wolf“ in Potsdam, und einen Master of Business Administration/Internationales Projektmanagement, von der TH Wildau. Mit ihr erfahren wir noch einmal, worum es bei Allresist eigentlich geht: „Die Firma entwickelt, produziert und vertreibt Resists für die optische und Elektronenstrahl-Lithographie sowie dazugehörige Prozesschemikalien für die Herstellung elektronischer Bauteile wie Mikro- und Nanochips. Ein Alleinstellungsmerkmal ist die Konzeption maßgeschneiderter Resists und Prozesschemie nach individuellen Kundenanforderungen.“
Um es noch genauer zu verstehen: ein Nanometer ist ein Millionstel Millimeter. In dieser Maßeinheit werden Chipstrukturen dargestellt; dieser unfassbar winzigen Struktur müssen die Resists, deren Übersetzung mit „Fotolack“ oder „Abdeckbeize“ zwar grob ist, aber durchaus Anschaulichkeit vermittelt, gerecht werden, ohne sie zu verunreinigen oder zu zerstören. Und so etwas „maßschneidern“ sie in Strausberg-Nord. Und verkaufen es in die Welt. Mit einem aktuellen Jahresumsatz von fünf Millionen Euro.
Sie gehen bei der Allresist-GmbH nicht unbeobachtet durch die bundesdeutsche Wirtschafts- und Politiklandschaft. Mehrfach sind sie mit Brandenburger Preisen für Qualität und Innovation ausgezeichnet worden, 2012 zudem mit dem bundesweiten Ludwig-Erhard-Preis für nachhaltigen Unternehmenserfolg, Ministerpräsident Dietmar Woidke hat Brigitte und Matthias Schirmer 2022 den Brandenburger Verdienstorden überreicht, und nun also stehen sie im Finale für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2027.
Was könnte noch fehlen? Eine Wertschätzung, die über das konkrete Unternehmen, das ja doch eben von den Zahlen her immer noch ein sehr kleines ist, hinausgeht. Eine, die erkennt: Was hier geschehen ist und weiter geschieht, erzählt weit über die nackten Zahlen hinausgehendes von Schöpferkraft und Ideenreichtum, Herkommen und Tradition, Einsatzbereitschaft und Visionen, Können und Zuversicht in einem Ostdeutschland, das von seiner DDR-Geschichte nicht zu trennen ist.Wolfram Adolphi, Dr. sc., geboren 1951 in Leuna/DDR, Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt Ostasien, Journalist (1980-85 Korrespondent des „horizont“ in Japan), 1990-91 PDS-Landesvorsitzender Berlin, 1999-2002 und 2005-2016 Mitarbeiter des Ostkoordinators der Bundestagsfraktion der PDS/der LINKEN Roland Claus; Schriftsteller, zuletzt der familiengeschichtliche Jahrhundertroman „Hartenstein oder Die unerhörte Arbeit des Erinnerns“; Website: https://asiaticus.deDas ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
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Allgemein
Weltklasse made in Ostdeutschland: Ein Tag zum Träumen bei Allresist in Strausberg
Source
Berliner Zeitung
· Wolfram Adolphi