Mitten in der saudischen Wüste zieht sich ein schwarzer Brandfleck durch die Pumpstation Nummer 9. Eine aktuelle Satellitenaufnahme zeigt verrußte Leitungen und beschädigte Technik. Die Station hält das Öl in einer 1200 Kilometer langen Leitung in Bewegung: von den Fördergebieten am Persischen Golf quer durch Saudi-Arabien bis zum Roten Meer.
Der Angriff war Teil einer größeren Attacke, bei der mindestens zwei weitere Pumpstationen beschädigt wurden, Nummer 8 und Nummer 11. Nach saudischen Angaben wurden die Drohnen aus dem Irak gestartet; wer sie steuerte, ist bislang nicht abschließend geklärt.
Die Folgen des Angriffs erreichen auch Europa. Seit die Straße von Hormus weitgehend blockiert ist, bildet die Pipeline Saudi-Arabiens wichtigsten Ausweg zum Weltmarkt. Jetzt hat Saudi Aramco europäischen Raffinerien mitgeteilt, dass sie im Oktober kein saudisches Rohöl erhalten werden. Zuletzt transportierte die Pipeline täglich vier bis fünf Millionen Barrel – rund vier bis fünf Prozent des weltweiten Ölangebots.
Dabei war die Anlage keineswegs ungeschützt. Wie Russland, die Ukraine und die Vereinigten Arabischen Emirate setzt offenbar auch Saudi-Arabien auf Netze, um wichtige Infrastruktur vor Drohnen zu schützen. Über mehreren Pumpen sind entsprechende Konstruktionen zu erkennen. Den Treffer auf Station 9 konnten sie jedoch nicht verhindern.
Was wie eine Behelfslösung wirkt, schützt inzwischen vielerorts kritische Infrastruktur. Russland überspannt Öltanks, Raffinerietechnik und sogar Atom-U-Boote mit Netzen; am Flughafen Dubai stehen Treibstofftanks unter Stahl- und Drahtkäfigen. Am weitesten geht die Ukraine: Dort verlaufen bereits mehr als 1180 Kilometer Straße unter Netzkorridoren, Tausende weitere sollen folgen. Für den beschleunigten Ausbau stellte die Regierung umgerechnet rund 37 Millionen Dollar zusätzlich bereit.
Ob ein Netz tatsächlich schützt, hängt von Maschenweite, Vorspannung und Verankerung ab – vor allem aber vom Abstand zum Ziel. Eine Anfang September veröffentlichte Forschungsübersicht australischer und ukrainischer Bauingenieure verweist auf einen Sprengversuch, bei dem bereits zehn zusätzliche Zentimeter verhinderten, dass eine Betonplatte vollständig durchschlagen wurde. Gefährliche Splitter entstanden trotzdem. Für große Angriffsdrohnen modelliert eine ukrainische Studie einen mehrstufigen Schutz: ein Gitter mehrere Meter vor dem Ziel und dahinter eine massive Hülle, die Druckwelle und Trümmer auffängt.
Wie zuverlässig das in der Praxis gelingt, lässt sich bislang kaum beziffern. In der Ukraine treffen russische FPV-Drohnen wiederholt Umspannwerke, obwohl diese durch Betonhüllen und Netze geschützt sind. Bei überspannten Straßen bleiben Einfahrten und offene Seiten verwundbar. Zudem lässt sich die Barriere schrittweise überwinden: Eine erste Drohne sprengt eine Öffnung, eine zweite fliegt hindurch.
Auch an russischen Energieanlagen fällt die Bilanz gemischt aus. Über einem Tanklager in der Region Stawropol fing ein Netz eine Drohne ab; ihr Sprengkopf detonierte, ohne das Depot in Brand zu setzen. In Belgorod durchdrang eine Drohne dagegen die Barriere und beschädigte Öltanks.
Bei Pumpstation 9 in Saudi-Arabien befanden sich die Netze relativ nah an der Technik. Ob sie zu nah angebracht waren, werden vermutlich Untersuchungen in den kommenden Wochen zeigen. Unklar ist auch, ob Station 11 ebenfalls durch Netze geschützt war. Sie brannte bei dem Angriff fast vollständig aus. Sollte es dort Netze gegeben haben, ist von ihnen nichts mehr übrig.
Saudi Aramco hat bislang keine Angaben zur Bauweise der Schutzkäfige gemacht. Auch welcher Drohnentyp und welche Art von Sprengkopf Station 9 trafen, ist nicht bekannt.
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Wirtschaft von oben #422 – Ost-West-Pipeline: Saudische Pipeline war durch Anti-Drohnen-Netze geschützt
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WirtschaftsWoche
· Tiffany Peach