Allgemein
Warum das Heizen mit Öl so günstig sein kann
Das letzte gallische Dorf liegt nicht in der Bretagne, sondern hinter dem Taunuskamm in einer wäldlichen Idylle. Die sind doch verrückt, diese Städter, heißt es, wenn die Einheimischen über die große Politik oder die Energiewende reden. Da wollen die Großstädte ihre Gasleitungen herausreißen, ohne dass es günstigen Strom für die Wärmepumpe gibt. Eine milliardenschwere Infrastruktur wird vernichtet. Schuss ins Bein, das glaubt einem kein Mensch, sagen sie auf dem Dorf. Und nicht nur das, manche Stadtwerke verlangen hohe Stilllegungsgebühren, wenn jemand von Gas auf die Wärmepumpe umsteigt. Die Dörfler schütteln den Kopf. Einmal im Jahr wird bei ihnen herumtelefoniert, und ungefähr jeder zweite Haushalt macht mit bei der Ölbestellung. Auf Vorrat oder weil die Bestände zur Neige gehen. Für die Sammelbestellung gibt es einen ordentlichen Rabatt, und am Abend stellt dann der Landbewohner sein Notebook auf den Esszimmertisch und startet Excel. 801 Liter Öl hat er am 1. Juli bezogen, zum Preis von 984,64 Euro. Vor zehn Jahren hätte er für diese Menge nur die Hälfte bezahlt, beim Teutates! Da er stets volltankt und seit dem letzten Tanken 443 Tage vergangen sind, ergibt das einen Verbrauch von 659,97 Litern pro Jahr oder 67,60 Euro im Monat. Das Haus hat 150 Quadratmeter Wohnfläche und bekam kürzlich eine neue Brennwertheizung wie auch gut isolierte Fenster. Sein Kumpel aus der Stadt hat eine Gasheizung und sucht jetzt auf den Vergleichsportalen nach Zaubertrank. Bislang zahlte er für sein Haus 170 Euro im Monat, nach Ende des Vertrages werden es bald eher 240 Euro sein. Die Gasspeicher in Deutschland sind historisch niedrig gefüllt. Schon warnt der Gasspeicherverband Ines, sie könnten Anfang Februar leer sein, falls der Winter arg kalt wird. Dann wird mancher seine trotzigen Freunde auf dem Dorf besuchen kommen.
Source
FAZ
· Michael Spehr