Lohn, Arbeitsbedingungen, Zukunft und Politik: Bei der Lossprechung in Schwerin erzählen junge Gesellen, was sie vom Land erwarten.

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Nach drei jahren Ausbildung: 44 junge Handwerker haben am Freitag in Schwerin ihren Gesellenbrief erhalten.

Das Handwerk sucht händeringend Nachwuchs – und trotzdem bekam Anna-Marie Wetzel zu zwanzig Bewerbungen auf eine Ausbildungsstelle als Dachdeckerin in Schwerin nur zwei Rückmeldungen. Die 19-Jährige gehört zu 44 jungen Handwerkern, die an diesem Freitag in Schwerin ihren Gesellenbrief erhalten.

Für Westmecklenburg waren Ende August noch 745 Ausbildungsplätze unbesetzt, gleichzeitig suchten 638 Jugendliche weiter nach einer Stelle. Seit Oktober 2025 waren insgesamt 2695 betriebliche Ausbildungsplätze gemeldet worden, wie die Bundesagentur für Arbeit mitteilte. Die Lossprechung in Schwerin zeigt, wie unterschiedlich die Gründe dafür sein können.

Wetzel ist jetzt Dachdeckergesellin. In ihrer Schule, erzählt sie am Rande der Lossprechung, sei viel darüber gesprochen worden, „was man studieren kann“. Die Möglichkeit, auch einfach eine Ausbildung im Handwerk zu machen, kam hingegen kaum vor. Erst über ein Praktikum entdeckte sie den Beruf für sich. „Mir hat das sehr gefallen“, sagt sie. „Das macht verdammt viel Spaß.“ Als sie anschließend einen Ausbildungsbetrieb suchte, erntete sie erst einmal Absagen: „Ich checke es auch nicht. Ich merke, dass viele sagen: Ey, wir brauchen mehr Leute. Ich habe aber auch gemerkt, dass viele nicht ausbilden.“

„Ich möchte das machen, worauf ich Lust habe“: Anna-Marie Wetzel arbeitet als Dachdeckerin.

Dass das kein Einzelfall ist, weiß auch Kreishandwerksmeister Jürgen Rupnow. Gerade im Fleischerhandwerk gebe es immer weniger junge Leute, die sich für eine Ausbildung entscheiden, sagt er: „Fleischer gibt es so gut wie gar nicht.“ Umso mehr freut er sich an diesem Tag, dass unter den jungen Gesellen diesmal auch eine Fleischerin ist. „Meine Kinder, die zum Glück meinen Betrieb weitermachen, die haben die letzten fünf Jahre nicht einen Auszubildenden bekommen“, sagt er.

Dass Stellen unbesetzt bleiben, heißt für Rupnow allerdings nicht, dass jeder Bewerber automatisch eingestellt wird. „Wir nehmen nicht Auszubildende um jeden Preis“, sagt er. Dann wird er deutlicher. „Jemand, der nicht lesen und nicht schreiben kann, und wenn man fragt: Zehn mal zehn, wieviel ist das? Und dann fangen sie an, nachzudenken, und holen das Telefon raus. Den können Sie nicht nehmen.“ Am Ende müsse ein Gesellenbrief schließlich bescheinigen, dass ein junger Mensch selbstständig arbeiten könne. Wenn ein Bewerber die Anforderungen eines Betriebes nicht erfülle, werde er nicht genommen. „Und dann bleibt die Stelle frei.“

Zu diesem Problem kommt ein zweites: Ausbildung kostet Geld. Rupnow sagt, vor allem kleinere Betriebe überlegten inzwischen sehr genau, ob sie sich einen Auszubildenden leisten könnten. Höhere Löhne, gestiegene Energiekosten, Materialpreise und Bürokratie treffen jene Unternehmen besonders, die ohnehin mit kleinen Margen arbeiten. „Es gibt Betriebe, die keine Stellen mehr ausschreiben. Vor allem kleinere Betriebe“, sagt er.

Dachdeckermeister Marco Hägele bildet trotzdem weiter aus. Seit 25 Jahren arbeitet der 46-Jährige im Handwerk, und aus seiner Sicht gehört Ausbildung dazu, auch wenn sie sich betriebswirtschaftlich nicht sofort rechnet. Auch er ist heute zur Lossprechung gekommen. „Man bildet nicht aus, um Geld damit zu verdienen“, sagt er. Man tue es, „um was fürs Handwerk, für die Zukunft zu tun“.

Schwerins Oberbürgermeister Sebastian Ehlers wirbt bei der Lossprechung für eine Zukunft im Handwerk.

Der Ton auf der Bühne ist an diesem Nachmittag naturgemäß optimistischer. Schwerins Oberbürgermeister Sebastian Ehlers (CDU) spricht von guten Zukunftschancen für die jungen Handwerker: „KI kann Texte schreiben oder Codes generieren, aber sie kann kein Dach decken, keine Haare schneiden und tönen, keine Heizung reparieren.“ Rund 980 Handwerksbetriebe mit etwa 6000 Beschäftigten gebe es allein in Schwerin. „Das hat bisher noch keine der großen Industrieansiedlungen, um die wir auch heftig und intensiv kämpfen, geschafft“, sagt Ehlers. Sein Wunsch ist deutlich: Die jungen Gesellen sollen möglichst in Schwerin und der Region bleiben.

Ob das gelingt, entscheidet sich allerdings weniger in Festreden als später im Betrieb. Matto Kühne, 20, ebenfalls frisch ausgelernter Dachdecker, weiß das. Er sitzt nach der Lossprechung in seiner Dachdeckertracht auf der Terrasse des Bildungszentrums. „Ich war ursprünglich auf dem Gymnasium und wollte Abitur machen“, sagt er.

Matto Kühne brach das Abitur ab und entschied sich für eine Ausbildung zum Dachdecker.

Zu Hause hatte er schon an Häusern mitgearbeitet, zunächst eher widerwillig. Später jobbte er in den Ferien bei einem Dachdeckerbetrieb und entdeckte dort etwas, das ihm in der Schule fehlte. Es war nicht nur die Arbeit mit den Händen, sondern auch der Ton untereinander. „Dieser Umgang mit den Leuten auf der Baustelle, das ist einfach ein bisschen härter“, sagt Kühne.

„Man kann sich auch mal anschreien, ohne dass du es böse meinst.“ Er überlegt kurz und schiebt hinterher: „Ich kann mich mit Leuten, die doppelt so alt sind, hart beleidigen, aber trotzdem beim Biertrinken wieder versöhnen.“ In der Schule dagegen lief es für ihn zuletzt immer schlechter. Nach der Zusammenlegung zweier Klassen saßen zeitweise mehr als 30 Schüler zusammen, sagt er. Danach rutschten seine Noten ab. Kühne brach das Abitur ab und begann die Dachdeckerausbildung. „War die richtige Entscheidung“, sagt er heute.

Er verdiene jetzt als Geselle 16,60 Euro pro Stunde. Wer junge Leute im Handwerk halten wolle, müsse nicht nur Stellen anbieten, sondern vernünftig organisieren, Verantwortung fair bezahlen und Mitarbeiter respektvoll behandeln, sagt er: „Wenn du die Leute danach fürs Mindeste bezahlst, dann brauchst du dich auch nicht wundern, wenn das Mindeste gemacht wird.“ Handwerker werden gebraucht, ja. „Aber das bedeutet noch lange nicht, dass jeder Betrieb automatisch ein guter Arbeitgeber ist“, sagt er.

„Einige sind überrascht“, sagt Wentzel, wenn sie als Dachdeckerin auf einer Baustelle auftaucht. „Man kriegt den einen oder anderen Spruch.“ Von Kunden kämen gelegentlich irritierte Blicke. „Ich finde es einfach wichtig, dass wir die Möglichkeiten haben, den Beruf auszuüben, auf den wir Lust haben. Ich möchte das machen, worauf ich Lust habe. Und ob das jetzt im Handwerk auf der Baustelle ist oder im Büro – das kann allen anderen egal sein“, sagt sie.

„Natürlich gibt es Tage, wo ich sage: Warum bin ich nicht einfach in einem klimatisierten Raum am Tisch?“ Im Winter stelle sich dieselbe Frage in umgekehrter Form. „Dann denke ich mir aber: Nein, ich mag Handwerk. Wenn ich wirklich nur am Bürotisch sitzen würde, würde ich eine Krise kriegen.“

Am Sonntag wählt Mecklenburg-Vorpommern einen neuen Landtag, und auch deshalb bleibt die Politik an diesem Nachmittag nicht ganz draußen. Der stellvertretende Kreishandwerksmeister Ralf Kowal richtet zum Ende der Veranstaltung einen direkten Appell an den gut gefüllten Saal aus Gesellen sowie deren Freunde und Familie: „Wir können freiwillig zur Wahl gehen. Und das ist meine Bitte an alle Anwesenden hier: Gehen Sie zur Wahl am 20., also am Sonntag.“

Wetzel sagt, dass die Politik unter ihren Kollegen immer wieder mal Thema auf der Baustelle sei. „Ich weiß auch, dass so viele im Handwerk sehr rechts sind“, sagt sie. Sie selbst beschreibt sich als „sehr sozial eingestellt“ und versucht, politische Diskussionen bei der Arbeit eher zu vermeiden. „Sie können ihre Meinung haben. Ich muss mit der nicht übereinstimmen“, sagt sie. Mit Blick auf das Parteiprogramm der AfD, traditionelle Rollenbilder aufrechtzuerhalten, sagt die 19-Jährige, die in einem traditionell männlichen Beruf arbeitet: „Ich möchte einfach, dass für uns Frauen die Entscheidungen frei sind.“

Ihren Kollegen Kühne stört vor allem, wenn Positionen einfach übernommen werden. „Politisch dumm ist für mich, wenn man einfach nur irgendwas nachplappert, was der und der sagt oder irgendeine Partei behauptet.“ TikTok, Instagram, Parteislogans – entscheidend sei für ihn, dass Menschen sich mit politischen Aussagen selbst auseinandersetzten. Kreishandwerksmeister Rupnow wiederum blickt stärker auf das, was Betriebe unmittelbar betrifft. Vor allem die Bürokratie ärgert ihn. „Sie können uns so hohe Zäune in den Weg schmeißen, und dann müssen wir da drüber“, sagt er. Von der Politik erwarte er deshalb vor allem, dass Zusagen nach der Wahl nicht vergessen würden.

Am Ende aber geht es an diesem Nachmittag nicht zuerst um Politik, sondern um die 44 jungen Menschen, die nach drei Jahren Ausbildung nun ihren Gesellenbrief bekommen. Als Kühne vor drei Jahren die Schule verließ und die Ausbildung begann, sei er in einer „komischen Phase“ gewesen, sagt er. Im Laufe der Ausbildung habe er sich verändert. „Ich habe viel Scheiße wieder weggeräumt aus meinem Leben“, sagt er. „Und mich einfach zu jemandem gemacht, der jemand ist.“ Danach grinst er stolz. „Natürlich ist noch Luft nach oben“, sagt er. „Aber im Endeffekt bin ich auch noch jung.“

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