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So wird der âTatortâ: Gutenachtgeschichten für die Prepper von Köln-Kalk
Eigentlich geht ja alles ganz gut los. Es ist noch Nacht über Köln. Eine Frau mit einem vielsagenden Gesicht wird von einem Wecker aus dem Schlaf geholt. Es ist vier Uhr in der Früh. Sie steht auf, geht zum Spiegel, will Lippenstift auftragen, schaut sich an und lässt es bleiben. Da, wo Elara Schmidtke hin will, braucht sie keine Schminke. Katharina Schüttler ist Elara Schmidtke. Sie hat eines der vielsagendsten Gesichter im deutschen Schauspielergewerbe. Was immer ihrer jeweiligen Figur durch die Seele huscht, kann sie perfekt übersetzen, in minimalinvasiver Mimik zum Beispiel, wie da vor dem Badezimmerspiegel. Man kann sich blind auf sie verlassen. Das, dieses vermeintlich automatische Aufsieverlassenkönnen, ist vielleicht eine der zentralen Ursachen für das Desaster, das aus Elara Schmidtkes Geschichte wird, kaum ist der Morgen grau geworden in der Domstadt. âDie letzten Menschen von Kölnâ heiÃt die Geschichte. Eva und Peter A. Zahn, auf die man sich in der Regel auch relativ blind verlassen kann, haben sie geschrieben. Es ist der 96. Fall der Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär), mit denen, wenn man sie nicht völlig allein lässt, auch nichts schiefgehen kann. Was der Fall hätte werden können, ist folgender: Elara Schmidtke war mit ihrem Bruder verabredet in den frühen Morgenstunden. Sie hat verzweifelt versucht, ihn zu erreichen, bis ein klandestiner Lieferwagen sie eingesammelt hat. Für ein Prepper-Seminar waren sie angemeldet. Moritz Zechmann bietet die an. Florian Stetter ist Moritz Zechmann, ein Mann mit vielsagendem Gesicht, Spezialist für zwielichtige Gestalten. Man soll bei diesen Workshops das Ãberleben in einem der viel zu wenigen Luftschutzbunker am Rhein lernen. Und was über Ãngste und was sonst so passiert, wenn man potenziell wochen-, monatelang mit ein paar unbekannten Ãberlebenden existieren muss, abgeschottet von der Zivilisation. Was macht das mit einem? Wie verändert das Menschen? Bleiben Menschen im Angesicht ihrer bevorstehenden Auslöschung soziale Wesen? Ãberleben nur die Fittesten? Sind sie überhaupt soziale Wesen? Was macht einen Menschen zum Mörder? Könnte aktueller also nicht sein. Eigentlich. In der âDokumentationsstätte Kalter Kriegâ Es hat â so das Szenario des Prepper-Lehrgangsleiters â einen russischen Atomschlag gegeben. Die fünf Hanseln im Luftschutzbunker von Köln-Kalk â 1979 für 2366 Menschen gebaut, 2005 geschlossen, heute âDokumentationsstätte Kalter Kriegâ â sind die letzten Menschen von Köln. Elara, Zechmann und sein Sohn und zwei Männer. Ihre Handys sind stillgelegt. Vor dem Ende des Seminars kommt keiner raus. Das hätte durchaus gereicht für interessante Auseinandersetzungen, für einen kriminalistischen Infight, für ein moralisches Kammerspiel. Für die beiden Männer interessieren sich die Zahls aber gar nicht, was man durchaus verstehen kann, weil diese nicht mehr sind als klischierte Abziehbilder aus der Verschwörungstheoretiker- und Prepperlandschaft. Für all die groÃen Fragen, die sie zwischendurch im Bunker stellen, interessieren sie sich auch kaum. Auch das kann man verstehen. Es ist zu viel zu tun. Es gilt einen Mord aufzuklären, wir sind ja schlieÃlich in einem âTatortâ. Selbst das hätte durchaus interessant werden können. Die Idee jedenfalls war charmant. Während unter Kalk das Quintett Endzeit spielt, scheint sie in der Domstadt schon ausgebrochen. Eine Weltkriegsbombe muss entschärft werden, Menschen müssen evakuiert werden. Die StraÃen sind leer, in denen Ballauf und Schenk den Mörder von Elaras Bruder jagen. Der wurde im Morgengrauen mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Die Spur führt unter die Erde. Daraus, wie gesagt, hätte was werden können. Ein Spiel aus Mörderwerden und Mörderjagen, aus eingebildeter unterirdischer und offensichtlicher oberirdischer Dystopie. Aber wir sind ja nicht im Art-House-Kino und nicht im Berliner âTatortâ â in âGefahrengebietâ, Corinna Harfouchs letztem Fall als Kommissarin Bonard, hatte die Prepper-Szene ein feines Spiel von Wahnsinn und Weltflucht und sogar Wirtschaftskritik hergegeben. Der Wurm des Misstrauens in die Kraft der eigenen Geschichte schleicht sich bei den Zahns und dem ausführenden Regisseur Markus Weiler schnell ein und nimmt sogar Gestalt an in der 4000 Quadratmeter groÃen finsteren Anlage unter Köln. Eine offensichtliche Wasserleiche schleicht durch die Gänge. Nur Moritz Zechmann sieht sie. Und er hat Angst. Möglicherweise genauso viel Angst, wie die Zahns vor der betreuenden Kölner Redaktion hatten. Man hört sie geradezu raunen, dass da noch was fehlt. So was Aktuelles. Vielleicht könnte ja dieser âTatortâ der erste werden mit Ahrtal-Katastrophen-Bezug. Dann hätte man das schon mal weg. So könnte es gewesen sein. Am Ende gibt es drei Leichen, zwei Menschen und einen âTatortâ. Den kann man beruhigt mit in seinem Bunker nehmen. Für den Fall, dass einem da die Schlafpillen ausgehen.
Source
WELT
· Elmar Krekeler