WirtschaftsWoche: Herr Dobelli, Ihr neues Buch liefert keine Antworten, sondern stellt Fragen. Warum?Rolf Dobelli: Antworten haben wir im Überfluss. Die künstliche Intelligenz liefert sie auf Knopfdruck, zu jedem beliebigen Thema. Was uns fehlt, sind kluge Fragen.
Es heißt doch, es gebe keine dummen Fragen …Das sehe ich anders. Fragen, die man schon hundertmal gehört hat oder deren Antwort schon vorher feststeht, braucht niemand. Kluge Fragen sind dagegen überraschend. Sie regen zum Nachdenken und zu Gesprächen an. Aber solche Fragen liegen nicht auf der Straße, sondern entstehen durch viel gedankliche Arbeit. Ich entwickle etwa 100 Fragen, bis eine davon wirklich taugt.
Was ist denn Ihre Lieblingsfrage aus dem Buch? Wenn ich eine wählen müsste, dann diese: Freut es Sie ein bisschen, wenn die Kosten, die Sie mit Ihrer Krankheit verursacht haben, höher sind als Ihr Krankenkassenbeitrag? Als mir die eingefallen ist, musste ich sehr lachen.
Manche Fragen im Buch richten sich speziell an Führungskräfte, zum Beispiel diese: „Gibt es Mitarbeiter, die Sie nur deshalb nicht entlassen, weil Sie sie mögen?“ Sind Chefs angesichts von Dauerkrise und Dauertransformation nicht schon genug mit Fragen konfrontiert? Ja und nein. Natürlich stellen sie sich viele Fragen, aber sind es auch die richtigen? Es heißt zwar oft: „Hinterfragt mich, stellt kritische Fragen.“ In der Praxis passiert das aber selten. Der Klassiker: Der Chef sagt in der Runde, in welche Richtung es gehen soll, und fragt dann: „Was meint ihr?“ Natürlich widerspricht dann niemand. Besser ist es, wenn der Chef sich in Diskussionen zurücknimmt und zuerst gezielt den jüngsten oder neuesten Mitarbeiter nach seiner Meinung fragt. Dann den zweitjüngsten und so weiter. Erst ganz am Ende äußert sich der Chef. So kommt eine viel größere Bandbreite an Meinungen zusammen. Eine andere Möglichkeit: Sie bestimmen jeden Monat einen anderen Mitarbeiter, der in Diskussionen alles kritisch hinterfragt.
Führt das nicht pausenlos zu zeitfressenden Diskussionen?Nicht, wenn man sich auf die wesentlichen Ziele fokussiert. Das ist leider ein großes Problem, nicht nur in Unternehmen: Wir lassen uns ablenken und beschäftigen uns mit Dingen, die gar nichts mit unseren eigentlichen Zielen zu tun haben.
Dazu passt eine weitere Frage, die mir in Ihrem Buch ins Auge gesprungen ist: „Wie effizient sind Sie im Verfolgen unwichtiger Lebensziele?“Diese Frage wird immer zentraler, je älter man wird. Viele Menschen sind wahnsinnig gut darin, unwichtige Ziele zu verfolgen. Das liegt auch daran, dass es ihnen schwerfällt, „nein“ zu sagen. Ich habe dafür eine „No-Bell“ auf meinem Schreibtisch, die mir der Nobelpreisträger Guido Imbens geschenkt hat (Dobelli steht auf und holt eine kleine elektronische Glocke mit der Aufschrift „No!“ hervor). Sie erinnert mich daran, den Fokus zu behalten und alle Anfragen abzulehnen, die nicht zu meinen Zielen passen.
Sie sind kürzlich 60 Jahre alt geworden. An runden Geburtstagen neigen Menschen bekanntlich dazu, über ihr Leben nachzudenken und sich zu hinterfragen. Sie auch?Natürlich. Vor allem habe ich mir noch einmal bewusst gemacht, wie viel oder wenig Zeit mir noch bleibt. Ich habe eine App, welche die Tage bis zu meinem statistischen Todestag herunterzählt – da fließen mein Alter, meine körperliche Konstitution, meine Ernährungs- und Sportgewohnheiten ein. Demnach bleiben mir noch genau 9440 Tage, also knapp 26 Jahre. Aber wirklich produktiv arbeiten kann ich davon vielleicht noch zehn. Die will ich nutzen! Also frage ich mich ganz konkret: Welche Ziele will ich noch erreichen?
Und zwar?Zum einen habe ich noch so viele Ideen für Bücher. Davon will ich möglichst viele niederschreiben. Zum anderen möchte ich unsere „World.Minds“-Community weiter ausbauen, an der ich seit 18 Jahren arbeite und die weltweit rund 1500 Mitglieder aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik hat, darunter Staatsoberhäupter und viele Nobelpreisträger. Wir treffen uns zweimal die Woche per Videocall und versuchen, die Welt besser zu verstehen. Die Zukunftsbegeisterung in dieser Community ist unglaublich inspirierend. Diese Haltung vermisse ich manchmal in der deutschsprachigen Gesellschaft, da herrscht viel Pessimismus. Gerade auch in meiner Generation.
Was meinen Sie genau?Viele Babyboomer sind insgeheim froh, dass sie sich beruflich nicht mehr mit KI beschäftigen müssen. Weil sie wahrscheinlich schon pensioniert sind, bevor sich der Arbeitsmarkt radikal verändert. Dabei könnte man das Arbeiten mit der KI auch als Spiel begreifen: sich einen Computer nehmen, ein paar Agenten aufsetzen und schauen, was passiert. Denn ob wir wollen oder nicht, eine Frage wird innerhalb der nächsten 20 Jahre für uns Menschen immer zentraler werden: Worin besteht noch der Sinn des Lebens, wenn KI alles für uns produziert? Wenn es eine Frage gibt, auf die ich gerne eine Antwort hätte, dann diese.
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