An dieses stoische Lächeln des Kollegen erinnere ich mich genau. Der Chef hatte gerade vor versammelter Mannschaft seine Arbeit zerlegt, ausgeführt, warum er dieses vermisst hatte und jenes verbessert hätte. Alle Augen richteten sich nun auf den Kollegen. Doch der lächelte nur. Der Chef ging über zum nächsten Thema.
Natürlich wollten wir später wissen, warum er nichts erwidert hatte. Nicht erklärt hatte, warum er seine Schwerpunkte für die besseren hielt. Nicht auf die knappen Kapazitäten und die nicht weniger knappe Abgabefrist verwiesen hatte. Der Kollege lächelte wieder. Eigentlich war dieses Lächeln Antwort genug. Es sagte: Ich selbst bin mit meiner Arbeit im Reinen. Dann sagte er trotzdem noch diesen Satz: Ich rechtfertige mich nur vor meiner Mutter – und vor Gott.
Natürlich hatte er die Überhöhung einkalkuliert. Vermutlich ist mir die Antwort deshalb in Erinnerung geblieben. Und vermutlich versuche ich deshalb, es ähnlich zu handhaben. Dem Drang zu widerstehen, sich vor anderen zu rechtfertigen, allen voran vor dem Chef, ist eine Tugend. Eine, die uns Selbstvertrauen gibt und anderen mindestens mal Zeit und Nerven erspart, im besten Fall sogar ins Nachdenken bringt.
Erst neulich hatte ich zu einer Mail angesetzt: Die Assistenz eines bekannten Managers hatte sich nach den Schwerpunkten erkundigt, die ich in einem anstehenden Interview thematisieren wollte. Ich hatte die Sache etwas liegen lassen und fühlte mich, als ich mich an die Antwort machte, zunächst verpflichtet, ein paar erklärende Worte zu finden. Dann hielt ich inne: Wofür sollte ich da überhaupt um Entschuldigung bitten? Ich hatte versprochen, die Stichworte ein paar Tage vor dem Gespräch zu liefern. War es wirklich unhöflich, dabei auf sechs statt neun Tage zu setzen?
Womöglich bringe ich mein Gegenüber in Rage?
Machte ich mich, wenn ich binnen fünf Minuten auf die Nachfrage reagierte, nicht sogar unnötig klein – so, als hätte ich nichts anderes zu tun? Und was, wenn ich die Wahrheit gesagt hätte, dass ich gerade erst aus dem Urlaub zurück war und mich erst einmal um ein paar andere Sachen hatte kümmern müssen? Womöglich hätte sich mein Gegenüber gedacht, ich sei schlecht organisiert – und sich zu Recht gefragt, was ihn das anginge. Vielleicht wäre es auch pikiert gewesen: Was, mein Chef ist nicht Ihre Prio eins?
Also ließ ich es einfach. Erinnerte mich an den Kollegen – und dachte mir: Als bekennende Heidin, deren Mutter weitgehend egal ist, was ich im Büro so tue oder eben auch lasse, ist der Druck sogar noch etwas geringer.
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