Der Kanzler drückte sich bewusst nebulös aus: „Es ist unerträglich, wenn zwei große Völker allein im Besitz von nuklearen Waffen sind und das Schicksal aller Völker dieser Erde in der Hand haben. Das ist für die anderen Völker ein unerträglicher Zustand“, sagte Konrad Adenauer am 20. September 1956 in der regulären Sitzung des Bundesvorstandes der CDU. Und er kündigte noch vager an: „Wie wir da herauskommen, müssen wir sehen.“ Derlei Drumherumreden war nicht die Sache des Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier, der sich selbst stets als Kandidat für die Nachfolge des bereits 80 Jahre alten Regierungschefs sah: „Herr Bundeskanzler, Sie haben also – meines Wissens zum ersten Mal – gesagt: Wir rüsten unsere Soldaten mit nuklearen Waffen aus, wenn wir sie haben.“ So präzise wollte aber der Regierungschef die Konsequenz seiner Rede lieber nicht vorgehalten bekommen: Der Katholik Adenauer rief den Protestanten Gerstenmaier zur Ruhe. Und nannte ihn einen „Angehörigen der streitenden Kirche“. Dabei lag der Bundestagspräsident vollkommen richtig: An diesem Tag vollzog der Bundeskanzler eine radikale Kurskorrektur in der Wehrpolitik. Bis dahin hatte Adenauer Atomwaffen stets als „größte Gefahr für die gesamte Menschheit“ gegeißelt. Das galt plötzlich nicht mehr. Denn nun beschlich den Kanzler eine noch größere Furcht: Die USA könnten sich aus Europa zurückziehen; ihre Verbündeten, vor allem aber Westdeutschland, schutzlos einer sowjetischen Aggression ausliefern. Der Grund für Adenauers Misstrauen war der „Radford-Plan“. Darin empfahl Admiral Arthur W. Radford, der amtierende Vorsitzende der Stabschefs aller US-Teilstreitkräfte, von den 2,8 Millionen Mann bis 1960 etwa 800.000 zu entlassen. Konkret sollte die US Army von einer Million Soldaten 450.000 abbauen, die US Air Force von 916.000 etwa 150.000 und die US Navy von 864.000 knapp 200.000 Mann. Die so frei werdenden Mittel sollten für die nukleare Rüstung ausgegeben werden. Kaum war das Papier am 13. Juli 1956 durch eine Indiskretion (wahrscheinlich aus dem Kreis empörter US-Militärs) an die Öffentlichkeit gelangt, verfiel Konrad Adenauer in hektische Betriebsamkeit: Er ließ durch seinen Vertrauten Heinrich Krone in Washington offiziell Protest einlegen, schickte seinen obersten Soldaten, General Heusinger, zu Gesprächen über den Atlantik und beruhigte sich nicht mal, als Präsident Dwight D. Eisenhower den Plan öffentlich verwarf. Anfang September 1956 legte das Verteidigungsministerium dem Kanzler eine Denkschrift zur „Umrüstung“ vor. So nannte man die geplante Anschaffung von Kernwaffen intern. Den Mitgliedern des CDU-Vorstandes, die natürlich alle verstanden, dass Gerstenmaier ins Schwarze getroffen hatte, schärfte Adenauer ein, natürlich sei das alles streng vertraulich: „Es ist eine hochpolitische Frage, die sich im Augenblick unter keinen Umständen zu einer Erörterung in der Öffentlichkeit eignet“. Den so zunächst vermiedenen Skandal löste der Kanzler schließlich ganz persönlich aus: Knapp sieben Monate später, am 5. April 1957, nannte Adenauer taktische Atombomben vor Journalisten eine „Weiterentwicklung der Artillerie“. Die Bundeswehr müsse mit diesen modernen Waffen ausgerüstet werden. Ein Sturm der Entrüstung war die voraussehbare Folge. Die „Ohne-mich“-Bewegung, die schon mit Großdemonstrationen gegen die Gründung der Bundeswehr und damit die Wiederbewaffnung mobil gemacht hatte, erlebte als „Kampf-dem-Atomtod“-Bewegung einen zweiten Frühling. Dann protestierten 18 deutsche Kernforscher, darunter die Physiknobelpreisträger Otto Hahn und Werner Heisenberg, in der „Göttinger Erklärung“ gegen die geplante Aufrüstung mit Atomwaffen. Bald schloss sich ihnen der Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer an. Auch evangelische Kirche und die SPD zeigten sich über die geplante „Umrüstung“ empört. Doch dem Kanzler erschien die Anschaffung von Nuklearbomben für die Bundeswehr als „Gewissensfrage“, wie er sich noch zehn Jahre später in seinen Memoiren erinnerte. Der Streit um die Atombewaffnung hatte „surrealistische Züge“, wie der Adenauer-Biograph Henning Köhler 1994 feststellte: Denn in den 1950er-Jahren gab es weder genügend Kernsprengköpfe, um alle Nato-Armeen damit auszurüsten, noch hatten die USA jemals vor, ihre Bombenbestände mit den Verbündeten zu teilen. Das war dem Bundeskanzler zwar bekannt, doch er wusste Abhilfe: Am 5. Oktober 1956 kündigte er im Kabinett an, über die europäische Nuklearbehörde Euratom könne man „auf schnellstem Wege die Möglichkeit erhalten, selbst nukleare Waffen herzustellen“. Adenauer war also an einer europäischen Atombombe interessiert. Einziges Problem: Die Bundesrepublik hatte 1954 völkerrechtlich verbindlich auf die Produktion sämtlicher ABC-Waffen verzichtet. Solche Schwierigkeiten löste Adenauer nach dem ihm oft zugeschriebenen, allerdings nicht belegten Prinzip „Wat interessiert mich mein Geschwätz von jestern?“ leichthändig: Zusammen mit Frankreich und Italien – so eine Regierungsvereinbarung vom Dezember 1957 – wollte Westdeutschland Atomwaffen entwickeln. Hergestellt werden sollten sie freilich in Frankreich; die Bundesrepublik werde lediglich Forscher und eine finanzielle Unterstützung bereitstellen. Weit gediehen war das Projekt noch nicht, als im Sommer 1958 in Paris Charles de Gaulle an die Macht kam und umgehend den gemeinsamen Atombombenbau kündigte. So scheiterte Adenauers Plan, die Bundeswehr mit taktischen Kernwaffen auszustatten. Der Traum von einer nuklearen Gleichberechtigung der Bundesrepublik war geplatzt.