„Wahlintifada“. Mit diesem Kampfbegriff rief ein palästinensischer Aktivist in Berlin zur Mobilisierung auf. Er wurde von Basem Said, Listenplatz 6 der Neuköllner Linken, geteilt. Auch Heidi Reichinnek blieb cool, als sie auf einen speziellen Gast ihrer Berliner Wahlparty angesprochen wurde. Bei der AfD träten schließlich auch extremistische Rechte auf. Mehr fiel der Linken-Fraktionsvorsitzenden dazu nicht ein. Als würde, wenn man auf das eine verweise, das andere dadurch weniger schlimm. Der Partygast war Issa Remmo. Als Antisemit ist er bisher nicht aufgefallen, dafür als Clan-Chef und Oberhaupt einer Großfamilie, die, aus Libanon stammend, seit Jahrzehnten zur Verbrechensstatistik in Berlin beiträgt. Der Linken-Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak zeigte sich derweil mit einem Mitglied der extremistischen Gruppierung „Vereinigte Palästinensische Nationalkomitees“. „Es wird enger und enger und enger und enger und ...“, postete am Sonntagabend der jüdische Pianist Igor Levit. Rechter und linker Antisemitismus verstärken sich Der Aufstieg der extremistischen Ränder bringt es zutage. Der Antisemitismus in Deutschland wird nicht nur sichtbarer. Er wird politisch wieder anschlussfähig. Und das in einem Land, das auch deshalb Respekt gewann, weil die Gesellschaft die deutsche Schuld von den Sechzigerjahren an ins Bewusstsein rückte. Ist das alles vergessen? War das alles umsonst? ist eine Immunisierung gegen Antisemitismus hierzulande unmöglich? Und was ist mit den jungen Deutschen, unter denen sowohl die AfD als auch die Linke zuletzt so viel Zuspruch finden? Der rechte Antisemitismus wurzelt in völkischem Nationalismus, in Verschwörungsmythen über „Globalisten“ und in der Relativierung der NS-Verbrechen. Der linke Antisemitismus tritt meist als israelbezogener Antisemitismus auf. Israel wird dämonisiert, delegitimiert, sein Existenzrecht infrage gestellt. Die Formen sind nicht identisch. Sie können einander jedoch gegenseitig verstärken. Nicht zuletzt, weil beide den Antisemitismus der jeweils anderen Seite erkennen und damit den eigenen relativieren. Den Preis der Gleichgültigkeit zahlen Jüdinnen und Juden in Deutschland. Antisemitische Vorfälle haben sich in Neukölln verdoppelt In Teilen des Berliner Landesverbands und im Umfeld der Neuköllner Linken ist das ein ernstes Problem. Neukölln ist jener Bezirk, in dem sich die Zahl der antisemitischen Vorfälle 2024 gegenüber dem Vorjahr verdoppelt hat.  Juden werden auf der Straße angegriffen. Dokumentiert wurden auch Fälle schwerer Gewalt. Auf Versammlungen werden antisemitische Parolen skandiert. Und das in der Stadt, in der 1942 der Holocaust geplant wurde. Vor zwei Jahren verließen mehrere prominente Politiker, darunter der frühere Berliner Kultursenator Klaus Lederer, die Linke. Als Grund nannten sie Differenzen im Umgang der Partei mit dem Antisemitismus. Die Berliner Linke will sich von solchen Vorgängen offenbar nicht stören lassen. Als am Wahlabend Fragen zum Antisemitismus in ihrem Jugendverband, im Neuköllner Ortsverband und unter Kandidaten für das Berliner Abgeordnetenhaus aufkamen, verwies man prompt auf die Wohnungsfrage. Man plane schließlich den Sozialismus, sollte das wohl heißen, bitte nicht vom Thema ablenken. Stört uns nicht bei den wirklich wichtigen Dingen. Doch diese Details sind entscheidend: das „Free Palestine“-Geschrei auf Veranstaltungen der Linken, der Rapper Dahabflex, der auf einer Kundgebung zur Tötung israelischer Soldaten und zu einer neuen Intifada aufgerufen hat, Hannah Bruns, die als Parteimitglied erklärte, die palästinensische Befreiung sei erst vollendet, wenn Tel Aviv in palästinensischer Hand sei, Vanessa Emde, auf Listenplatz 2, die sich einen Nahen Osten ohne Israel vorstellen kann. Würden diese Phrasen verwirklicht, bedeutete dies das Ende Israels als jüdischem Staat. Zumal in diesem Bild die Hamas ausgeblendet wird, die wohl eher als faschistisch denn als links zu bezeichnen wäre. Doch wer den Sozialismus plant – in Berlin sollen 250.000 Wohnungen vergesellschaftet werden –, lässt sich von solchen „Nebenwidersprüchen“ nur ungern stören. Und das bedeutet, Judenhass hinzunehmen. Es bedeutet, Feindschaft gegen Israel hinzunehmen. Es bedeutet, die Angst jüdischer Bürger auf den Straßen Berlins hinzunehmen. Werden Grüne und SPD das ebenfalls hinnehmen?