Wenn es Friedrich Merz nicht gäbe, man müsste ihn erfinden. Darauf, dass er einen schlechten Job macht, können sich alle einigen, von der AfD über größere Teile der CDU bis hin zu SPD und Linkspartei, selbst die FDP auf ihrem Totenbett röchelt mit letzter Kraft: Er kann es einfach nicht. Und aus dem Volk, das sonst gern uneins ist mit seinen Politikern, schallt es via Umfragen nahezu unisono zurück: Jawohl, er ist der falsche Mann. Für dieses Ping-Pong-Spiel kommen dann von der Medientribüne noch jede Menge Anfeuerungsrufe. Wo so viel Einigkeit herrscht, ist Skepsis angebracht. Das fast schon pathologische, jedenfalls mitleidlose Merz-Bashing lässt den Verdacht aufkommen, dass es hier nicht vorrangig um die Beurteilung der – fraglos steigerungsfähigen – Leistung eines Politikers geht, sondern um eine Ersatzhandlung. Die Ablehnung impliziert, dass es nur den richtigen Mann (eine Frau ist derzeit nicht in der Verlosung) an dieser Stelle bräuchte, und es ginge wieder bergauf. Bei dieser Personalisierung handelt es sich um eine Form magischen Denkens, mit der die Leute sich darüber hinwegzutäuschen versuchen, wie tief und grundsätzlich die Krise ist, in der das Land steckt. Jeder kann es ja wissen: Die Defizite in der Pflege- und in der Rentenversicherung erreichen schwindelerregende Höhen. Dabei macht sich der demographische Wandel erst in Ansätzen bemerkbar; die KI-Revolution steht an ihrem Anfang; und das anders als wir und der gesamte Westen bestens vorbereitete China hat gerade begonnen, seine Muskeln spielen zu lassen. Es wird wenig bis nichts nutzen, den Mann an der Spitze auszutauschen. Zumal in der Reserve niemand vom Format eines Adenauer oder Brandt bereitsteht. Der Wohlstand wird deutlich sinken Gut 200 Milliarden Euro beträgt die Neuverschuldung des Bundes in diesem Jahr, bei einem Gesamtvolumen des Haushalts von 555 Milliarden Euro. Selbst in Deutschland dürften sich noch Schüler finden, die ausrechnen können, dass damit mehr als ein Drittel des Haushalts mit Schulden bestritten wird, dabei ist die sogenannte Schuldenbremse noch in Kraft. Man kann sich ausmalen, was diejenigen im Schilde führen, die eine weitere Lockerung oder gar ihre komplette Aufhebung fordern. Sie werden sich in ihrem Ansinnen durch den Umstand ermutigt sehen, dass aus dem Volk, das einmal für seine Aversion gegen Staatsschulden bekannt war und Merz jüngst noch seinen Wortbruch in Sachen „Sondervermögen“ besonders übel genommen hat, ziemlich wenig Protest kam gegen einen Haushalt, den man früher nicht einmal den Franzosen zugetraut hätte. Und selbst unter Ökonomen, diesem wendigen Berufsstand, fiel das Grummeln auffällig leise aus. Man wird sich mit geborgtem Geld ein paar Jahre Zeit erkaufen können, bis die Schuldenfalle endgültig zuschnappt, mit kleineren Reformen des Sozialsystems noch ein wenig mehr. Aber die Erkenntnis ist unvermeidlich: Der Lebensstandard der Deutschen wird in den nächsten Jahrzehnten deutlich sinken. Mit der Rettung durch einen Innovationsboost in der Industrie wie in den Neunzigerjahren oder einen Nachfrageschub durch einen weiteren Globalisierungsturbo wie in den Nullerjahren, dank derer sich unsere Sozialsysteme auf dem lieb gewordenen Niveau halten könnten, ist diesmal nicht zu rechnen. Das Problem in den Vorstandsetagen Die schwarz-rote Koalition hat zu ihrem Start immerhin zugegeben, dass es gewisse Probleme gibt, und auf die Herausforderungen zunächst mit großen Worten reagiert. Lars Klingbeil bekundete im März in seiner „Reformen für ein starkes Land“-Rede vor der Bertelsmann-Stiftung seine Einsicht in die Notwendigkeit tiefgreifender Änderungen. Es folgten großspurige Versprechungen von CDU und SPD, die Belastung der Leistungsträger in der Mittelschicht zu reduzieren. Es tagten Elefantenrunden, die in großer Besetzung vor die Hauptstadtpresse traten, um dann mit großer Geste ihre Beschlüsse zum Steuertarif zu verkünden: Ein paar Euro netto mehr soll es geben. Die Mitteilung, dass man leider die Beitragsbemessungsgrenze für die Sozialabgaben über das normale Maß hinaus erhöhen müsse, folgte dann eher beiläufig. Der Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt führt nun bekanntlich dazu, dass die SPD und in wichtigen Teilen auch die CDU von ihren Reformbeschlüssen in Sachen abschlagsfreie Rente schon wieder abrücken. Man redet sich die eigene Feigheit mit dem Argument schön, dass man das Urteil der Menschen an den Wahlurnen ernst nehme. Wer es noch pathetischer mag, rechtfertigt sein Einknicken mit dem hehren Ziel, die AfD aufhalten zu wollen. Von den Kosten ist plötzlich gar keine Rede mehr. Die Autosuggestion, es mit einem Führungsversagen und nicht mit einer strukturellen Krise zu tun zu haben, funktioniert in großen Gruppen am besten. So bei VW und Mercedes, wo sich Mitarbeiter zu Zehntausenden versammeln, um gegen längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich zu protestieren, so als säße das Problem in den Vorstandsetagen. Harte Verteilungskämpfe voraus Wer mit Einzelnen spricht, bekommt differenziertere Einschätzungen zu hören. Das Unbehagen, das sich im Lande breitmacht, ist fast körperlich greifbar. Wer rechnen kann, weiß es: Eher früher als später wird das Rentenniveau sinken, im Gesundheitssystem werden Leistungen zusammengestrichen werden müssen, ebenso in der Pflege, mit vielen Fortbildungen für Arbeitslose wird es bald vorbei sein. Es stehen uns harte Verteilungskämpfe ins Haus. Die Frage ist, ob die Politik gut beraten ist, diese Wahrheiten jetzt auszusprechen, oder ob sie sich besser für die Salamitaktik entscheidet und darauf setzt, dass die Menschen eine schleichende Senkung des Niveaus leichter verkraften. Merz, dem Typ nach eher ein Klartext-Redner, wie er zuletzt in Gestalt von Gerhard Schröder im Kanzleramt saß, scheint mit der Schocktherapie zu liebäugeln. Ansätze hat er dazu gemacht, indem er von der „Wohlstandsillusion“ der Deutschen sprach. Gut möglich, dass seine schlechten Umfragewerte auch damit zu tun haben, dass das niemand hören wollte. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt so, dass die Erleichterung groß wäre, wenn endlich ausgesprochen wäre, was die meisten ahnen. In seinem sonst ziemlich langweiligen neuen Buch „Glanz und Elend der Konservativen“, einer Art Erbauungspredigt für die CDU, berichtet der Schweizer Publizist Roger de Weck von einem Auftritt Merz’ in einer Runde mit ostdeutschen Politikern im Frühjahr 2026. Er soll dort gesagt haben, dass die Disruption alle Deutschen bald so stark fordern werde, wie das der Mauerfall und die Vereinigung den Ostdeutschen abverlangt hätten. Öffentlich ausgesprochen, wäre das ein Satz, der das Zeug zur befreienden Desillusionierung hätte. Und dessen Botschaft, das sei nicht nur nebenbei bemerkt, die Kluft zwischen Ost und West verringern würde. Mit der westdeutschen Arroganz wäre es auf einen Schlag vorbei, und damit hätte sich auch die ostdeutsche Opfererzählung erledigt. Dem Land würde bewusst, dass wir gemeinsam in der Tinte sitzen. Merz musste seine Glaubwürdigkeit opfern Womöglich zögert der Kanzler mit einem solchen Schritt, weil er weiß, dass sein Kredit im Volk gering ist. Es ist geradezu tragisch: Gleich am Anfang seiner Amtszeit hat Merz die eigene Glaubwürdigkeit geopfert, indem er sein Wahlversprechen brach und mit der alten Bundestagsmehrheit die Schuldenbremse reformierte und das Sondervermögen durchsetzte. Er tat es, weil es im neuen Bundestag mit den erstarkten Fraktionen von AfD und Linkspartei nicht möglich gewesen wäre, die Verteidigungsfähigkeit des Landes sicherzustellen. Die Chance, erst einmal politisches Kapital anzusammeln, um beim Bürger für Zumutungen größerer Art kreditwürdig zu sein, musste Merz sehenden Auges drangegeben. Den Preis dafür zahlt er jetzt. In dieser Situation, in der die Wirtschaft taumelt und der Regierungschef mit ihr, stellt sich umso dringlicher die Frage nach der politischen Reife der Deutschen. Wenn der Eindruck nicht täuscht, sind erstaunlich viele Bürger aus der Mittelschicht bereit, zusätzliche Lasten zu tragen. Allerdings tun sie das stärker als früher unter Vorbehalt: So erwarten sie, dass auch die Reichen stärker herangezogen werden, ohne sich Illusionen darüber zu machen, wie schwierig es ist, in Unternehmen gebundenes Kapital von anderen Vermögensarten zu trennen, und wie mobil das große Geld in einer globalisierten Welt ist. Am Ende, diese Lehre ist der Mittelschicht in den vergangenen Jahrzehnten oft genug erteilt worden, wird die Politik doch wieder auf ihre Duldsamkeit setzen. Nun, da sie selbst massiv unter Druck kommt, ist ihr wichtiger als zuvor, dass ihr Steuergeld sinnvoll verwendet wird. Die Bürger müssen das Gefühl haben, dass das Leben insbesondere auch für jene härter wird, die es im Missbrauch von Sozial- und Gesundheitsleistungen zur Meisterschaft bringen. Es gibt diesen Missbrauch in erschreckendem Ausmaß, auch wenn das oft geleugnet wird; und es ist ein Skandal, dass die Kontrollmechanismen nicht längst die Dichte erreicht haben, die die Bürokratie beim Knöllchenverteilen entwickelt. Am Ende ist es die Permissivität auf ganz unterschiedlichen Gebieten, die zur Krise des Gesamtsystems beigetragen hat: Migration, Sozialstaat, Gesundheitswesen, Bildung – vor allem auf diesen Gebieten haben Parteien wie Bürger aus Bequemlichkeit und Konfliktscheu die Augen vor Fehlentwicklungen verschlossen; denjenigen, die sie benannt haben, wurde mit der Moralkeule gedroht. Die Schwierigkeiten ließen sich kaschieren, solange genug Geld vorhanden war. Dass der neue Kanzler sich dazu gezwungen sah, die Regeln zu brechen, um sich finanziellen Spielraum für eine Politikwende zu verschaffen, war dann schon fast eine logische Folge. Aus der Stimmungsabwärtsspirale, die das Land in die Arme der AfD zu treiben droht, wird es nur ein Entrinnen geben, wenn die Vernünftigen dem Kanzler neuen Kredit gewähren. Und er ihn nutzt.