Manuela Schwesig hat eine Aufgabe bekommen. Und sie erledigt sie auf Manuela-Schwesig-Weise: auf den Punkt, bis ins Detail kalkuliert und mit dieser Mischung aus Kälte und Gefühligkeit, die ihr so schnell keiner nachmacht.
Mittwochabend, ein TV-Studio des NDR in Schwerin. Das letzte Fernsehduell mit ihrem Herausforderer, Leif-Erik Holm von der AfD. Sie trägt rot, er blassblau. In den Umfragen ist Schwesig zu diesem Zeitpunkt schon nah an den Konkurrenten herangerückt. Die ersten Minuten sind gelaufen, als beide ein Foto aus dem Wahlkampf kommentieren sollen, das sie selbst aussuchen durften.
Holm fängt an. Er präsentiert ein Selfie vor einer Schule. Und beklagt den desolaten Zustand des Bildungssektors an der Küste: Eine Schülerin am gezeigten Gymnasium hatte sich per Social-Media-Video über Schulausfall beklagt.
Dann folgt Schwesig. Sie zeigt ein Bild von sich im Gespräch mit einer Familie. Danach setzt sie zu einem knapp einminütigen Statement an, in dem sie das Kunststück fertigbringt, wirklich keine Wählergruppe auszulassen. Kinder, Eltern, Rentner, Schüler, Frauen insbesondere – alle finden statt. Kein Haspeln, kein Versprechen, hier und da ein kurzes Lächeln.
Schwesig inszeniert sich erst als makellose Landesmutter, bei der niemand auf der Strecke bleibt, bevor sie die Gelegenheit zum Angriff nutzt: Holm sitzt als AfD-Abgeordneter im Bundestag und könnte nur Ministerpräsident in Schwerin werden, wenn er seinen Wahlkreis gewinnt. Holm habe eine Rückfalloption, meine es gar nicht ernst mit seinem Engagement für Mecklenburg-Vorpommern, sie dagegen habe sich ihrer Heimat voll verschrieben. Ich bin voll für Euch da, er nur halb. Das ist ihre Botschaft. Offenbar verfängt sie.
Sie will das Duell
Manuela Schwesig ist etwas gelungen, was viele noch vor wenigen Monaten für ausgeschlossen hielten. Sie könnte an der Küste – in „MV“, wie sie selbst gern sagt – noch gewinnen. Seit Wochen holt die SPD in Umfragen auf.
Noch vor einem Jahr lag die AfD bei 38 Prozent, die SPD bei 19. Die Wiederwahl galt als aussichtslos. Im letzten ZDF-Politbarometer vor der Wahl an diesem Sonntag überholte Schwesigs Partei erstmals die AfD: 37 zu 36 steht es jetzt.
Ihre Beliebtheitswerte sind deutlich stärker als die ihres ärgsten Herausforderers Holm. Der hat noch dazu nicht die Spur des Charismas aufzubieten, mit dem sich Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt dauerstrahlend und schulterklopfend zu fast 44 Prozent emporarbeitete.
Die Woidke-Strategie im Duell mit der AfD
Wenn Politikstrategen in Berlin noch immer darüber brüten, wie der AfD beizukommen ist – Schwesig hat offenbar einen Weg gefunden: Sie wirft ihre persönliche Glaubwürdigkeit samt der Aura von neun Jahren im Amt in die Waagschale und spitzt die Wahlentscheidung zu einem Duell zu.
Es gibt dafür ein erfolgreiches sozialdemokratisches Vorbild: Dietmar Woidke. 2024 war der SPD-Ministerpräsident der Erste, der seine Landtagswahl in Brandenburg zu einer Art John-Wayne-Duell stilisierte: die oder ich. Woidke wollte nur als Regierungschef in der Politik bleiben. Er spielte mit immens hohem Einsatz – am Ende konnte er den Aufschwung der AfD abfangen und gewann.
Schwesig und ihr Team dürften sich das Rezept genau angesehen haben. Direkt am Montag nach der Wahl in Sachsen-Anhalt jedenfalls präsentierte sie umgehend ein Plakat: „Die Frau gegen blau“. Das Timing, mal wieder, exakt kalkuliert. Die oder ich.
Greift sie nach der Macht in der SPD?
„Wenn Manuela einen Wunsch hat, schlag ihn nicht ab. Sie wird immer und immer wieder kommen – bis Du ihn erfüllst“, sagt ein ehemaliger Berater. Über Schwesigs Härte, Ausdauer und Entschlossenheit macht sich in der SPD keiner Illusionen. Das sorgt für Bewunderung. Und auch so manches Misstrauen.
Über die Frage, ob Schwesig nach einem Wahltriumph bald auch ins Willy-Brandt-Haus einziehen könnte, wird wild spekuliert in der Partei. „Ich weiß nicht, was Manuela will“, sagt jemand aus der Spitze. „Aber was immer es ist: Sie wird nach einem Wahlsieg nicht zu stoppen sein.“ Weichen müsste dann wohl Arbeitsministerin und Noch-Parteichefin Bärbel Bas – die Frau, deren Rentenreform Schwesig im Wahlkampf nach Herzenslust attackierte. Den Bundes-Gegenwind hat Schwesig in Profilierungsthermik verwandelt. Muss man auch erstmal hinbekommen.
Dabei fällt Schwesigs Regierungsbilanz eher durchschnittlich aus. Im jüngsten Bildungsmonitor des Instituts der deutschen Wirtschaft landet Mecklenburg-Vorpommern im Mittelfeld, bei der Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung sogar nur auf Platz 14 der Bundesländer. Die Arbeitslosigkeit bleibt im Bundesvergleich eher hoch. Großkonzerne fehlen – wie so oft im Osten. Die Abhängigkeit vom Tourismus ist weiterhin hoch.
Über diese Lage konnten auch zwei positive Entscheidungen nicht ganz hinwegtäuschen. Die Schwarz-Gruppe verkündete Ende August Pläne für ein Rechenzentrum in Dummerstorf bei Rostock. Investitionssumme: 5,6 Milliarden Euro. Ein Pluspunkt des Standortes: reichlich Windenergie. Vor wenigen Tagen vergab SPD-Verteidigungsminister Boris Pistorius außerdem den Auftrag für ein viertes Flottendienstboot an die Peene Werft in Wolgast. Als der Auftrag aus Berlin vor Ort öffentlich gemacht wurde, war Schwesig natürlich mittendrin. Auch wenn sie nur zu gut weiß, dass die Auslastung der Werft damit noch nicht gesichert ist.
Trotzdem hofft Lars Greitsch, Mitgesellschafter beim Schiffspropeller-Weltmarktführer Mecklenburger Metallguss (MMG) in Waren an der Müritz, dass die Amtsinhaberin weitermachen kann. Schwesig und ihre Regierung seien ein „Garant für eine berechenbare Landespolitik. Unsere Anliegen werden in Schwerin gehört und zuverlässig unterstützt“, sagt er.
Der Unternehmer spricht als Vorsitzender des Ausschusses Maritime Wirtschaft der drei Industrie- und Handelskammern des Landes für eine Branche, die mehr als die Hälfte aller Arbeitskräfte in Industrie und Maschinenbau im Land stellt: gut 37.000 Menschen. In Wismar etwa baut TKMS bald U-Boote für die deutsche Marine. Der Schiffbau hat hier eine lange Tradition, ist noch immer ökonomisch hochrelevant.
Die Kritik aus Unternehmen an Schwesig kennt Greitsch natürlich auch – etwa wegen des Tariftreuegesetzes, das die Erteilung öffentlicher Aufträge seit 2024 nur noch Unternehmen ermöglicht, die ihren Beschäftigten Tariflohn garantieren. Aber das wiegt für den 51-Jährigen nicht auf, was ein Wahlergebnis wie in Sachsen-Anhalt bedeuten würde: „Wenn es durch die Wahl am kommenden Sonntag in Schwerin einen Regierungswechsel oder ein politisches Patt gäbe, hätten wir eine Hängepartie, die die Wirtschaft hier absolut nicht brauchen kann“, sagt Greitsch: „Dann liegt vieles auf Eis, was dringend vorangehen muss.“
Der Schiffspropeller-Spezialist meint damit etwa Maßnahmen aus dem Zukunftsprogramm für die maritime Wirtschaft, das Unternehmen, Wissenschaft und Landesbehörden erarbeitet haben. Besonders dringlich aus seiner Sicht: „Wir müssen das Image unserer maritimen Branche national und international stärken, damit wir nicht nur neue Betriebe ansiedeln, sondern auch die benötigten Arbeitskräfte gewinnen.“
Dass es bei ihnen im Nordosten beitragsfreie Kitas, günstige Immobilienpreise und verfügbare Wohnungen gibt, diese Botschaften zum Beispiel müssten Fachkräfte an schließungsbedrohten Auto-Standorten erst erreichen. Ebenso wie auswanderungswillige Fachkräfte im Ausland. Ein Sieg Schwesigs über die AfD? Wäre für Greitsch ein notwendiger Wettbewerbsvorteil: „Eine Politik, die auf Ausgrenzung ausgerichtet ist, würde den Aufschwung verhindern, den wir vor uns haben.“
Greitsch findet sogar freundliche Worte für den wohl wundesten Punkt in Schwesigs politischer Biografie: Nord Stream und die 2020 errichtete Klimastiftung, mit der die Gaspipeline trotz drohender US-Sanktionen fertiggestellt werden sollte. Sie distanziere sich klar von der früheren russlandfreundlichen Strategie, mit der sie in der damaligen Zeit ja nicht alleine gewesen wäre. „Und sie eiert bei dem Thema nicht rum.“
Es gibt allerdings auch Sozialdemokraten, die nicht wissen, ob sie davon beeindruckt sein sollen, wie Schwesig das Thema trotz eines Untersuchungsausschusses hinter sich gelassen hat – oder entsetzt über ihre Wendigkeit. Denn im Lichte des russischen Angriffskrieges und der Feindseligkeiten aus Moskau wirkt ihre einstige Parteinahme für die russischen Interessen wie aus einer anderen Zeit.
Sie habe halt einiges von Markus Söder, sagt ein Genosse. Keine andere Spitzenpolitikerin könne Positionen der Vergangenheit so folgenlos abräumen und dann weitgehend unbeschadet weiterziehen wie sie.Es ist nur halb als Lob gemeint.
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Allgemein
Landtagswahl MV: Wie Manuela Schwesig die AfD stoppen will
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WirtschaftsWoche
· Max Haerder