Es gibt sie noch, die schönen Momente für Friedrich Merz. Am Donnerstag zum Beispiel. Der Bundeskanzler hat ins Konrad-Adenauer-Haus geladen. Der offizielle Anlass: Stefan Evers, Spitzenkandidat der CDU, im Wahlkampf ums Berliner Abgeordnetenhaus zu unterstützen. Doch auch dem Kanzler gibt der Termin einen Schub. Nach den schwierigen Tagen seit der versemmelten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erlebt der 70-Jährige hier endlich einmal wieder viel Applaus und gute Stimmung. Kein Wunder, man ist unter sich. Im Publikum sitzen neben Journalisten nur Parteimitglieder – und die freuen sich sichtlich auf ihren Vorsitzenden. Noch bevor Merz den hell erleuchteten Saal betritt, filmen manche Gäste den Eingang, als würden sie auf einen Popstar warten.
Die gute Stimmung überträgt sich auf den Gastgeber. Im geschützten Umfeld der eigenen Leute wirkt Merz deutlich selbstbewusster als bei den öffentlichen Auftritten noch vor ein paar Tagen. Seine Begrüßung fällt nahezu überschwänglich aus. Gleich mehrmals dankt ihm Wahlkämpfer Evers für seine Arbeit in den vergangenen Jahren. Hier muss er keine kritischen Worte fürchten, wird nicht an all die kritischen Medienberichte erinnert, in denen über seine Ablösung spekuliert wurde. Stattdessen: Geschlossenheit. Loyalität. Zumindest für den Moment.
Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass es ausgerechnet die Berliner CDU vermag, die Stimmung des Kanzlers zu heben. Über Jahre hinweg galt sie als chaotisches Anhängsel der Bundespartei – gut vor allem für schlechte Schlagzeilen und noch schlechtere Wahlergebnisse. Doch das hat sich geändert.
Stefan Evers als Hoffnungsträger der CDU in Berlin
Vor drei Jahren katapultierte der Frust über die Zustände in der Hauptstadt plötzlich den Unionsmann Kai Wegner an die Spitze des Senats und beendete so mehr als 20 Jahre sozialdemokratischer Dominanz. Dass Wegner kurz darauf an sich selbst und einem Spiel Tennis zu viel scheiterte und seinem Finanzsenator Evers die Spitzenkandidatur überlassen musste, passte noch recht gut zum schlechten Ruf der Buletten-CDU Berlin.
Und doch ist Evers in diesen Tagen so etwas wie ein Hoffnungsträger für Merz geworden. Wenn seine Partei beweisen will, dass sie noch erfolgreich sein kann, dann wohl in Berlin.
Zwar dürften die Christdemokraten gemessen am letzten Wahlergebnis deutlich verlieren und könnten hinter der Linken nur zweitstärkste Kraft werden. Angesichts der Mehrheitsverhältnisse ist aber nicht ausgeschlossen, dass Evers dennoch zum Regierenden Bürgermeister aufsteigt, wenn SPD und Grüne mitspielen. Das ist alles andere als sicher – schließlich dürfte auch Rot-Grün-Rot eine Mehrheit haben. Aber dass es in der Hauptstadt überhaupt eine Machtperspektive gibt, ist in diesen Tagen schon eine gute Nachricht im Adenauer-Haus.
Insbesondere, da sich die Parteifreunde in Mecklenburg-Vorpommern, wo am Sonntag ebenfalls gewählt wird, in Umfragen immer mehr der Fünf-Prozent-Hürde annähern.
Druck auf Friedrich Merz vor dem Wahlsonntag
Sollte es an der Küste zum Schlimmsten kommen, wäre in der CDU nichts mehr, wie es einmal war. In der Parteiführung wird von einem „psychologischen Wendepunkt“ gesprochen, sollte man tatsächlich aus einem Landtag fliegen. Und von Handlungszwang. Merz, gerade noch durch einen Brief der (noch) acht Ministerpräsidenten der Partei vorläufig stabilisiert, wäre dann wohl kaum noch zu halten. So richtig erwartet zwar niemand, dass es wirklich so kommen wird. Aber ausschließen will man es auch nicht.
Deshalb kämpft Merz. Im Zweifel sogar für die Hauptstadt. „Berlin bleibt stabil“, prangt es deshalb in großen Buchstaben über der Bühne. Und auch in seiner Rede arbeitet sich der Kanzler an der Linken und ihrer Spitzenkandidatin Elif Eralp ab. „Die perfideste Art der Ausländerfeindlichkeit in Deutschland ist Antisemitismus“, sagt er, anspielend auf die Berliner Linken, denen er immer wieder ein teils bedenkliches Verhältnis zu Israel vorwirft. Und er warnt vor den Plänen der Partei, große Wohnkonzerne zu verstaatlichen. So etwas kommt hier an. Der Applaus für den Kanzler, er ist warm.
Ob das bei der nächsten Zusammenkunft in der Parteizentrale auch noch so sein wird?
Merz wird in den kommenden Tagen ungewöhnlich viel Zeit im Adenauer-Haus verbringen. Am Sonntag hat er um 17 Uhr – noch vor Schließung der Wahllokale – zu einer Präsidiumssitzung geladen. Ursprünglich wollte er, so hieß es, die Parteiführung hier zum Bekenntnis drängen. Doch seit dem Brief der Ministerpräsidenten erwartet niemand mehr einen Showdown – sofern in Schwerin die Dinge nicht katastrophal schiefgehen. Und am Montag steht dann die traditionelle Nachwahlsitzung an, mit Blumensträußen für die Spitzenkandidaten und gemeinsamer Pressekonferenz.
Machtperspektiven und Zeitspiel im Konrad-Adenauer-Haus
Vor zwei Wochen, nach dem Absturz in Magdeburg, hatte Merz sich bei diesem Termin noch äußerst zerknirscht gezeigt. Und angekündigt, seine Politik besser erklären zu wollen. Das versucht er auch am Donnerstag. „Wir leben in einem fantastischen Land, in dem vor allem junge Leute ihre Zukunft suchen, in ganz Deutschland und vor allem in Berlin“, sagt er an Evers’ Seite. Das klingt unter Parteifreunden gut. Aber der notwendige Befreiungsschlag, der echte Kurswechsel ist das nicht, den Merz wohl bräuchte, um sämtliche Spekulationen über seine Zukunft an der Spitze der Partei und des Landes zu zerstreuen.
Und ob er zu einem solchen Schritt überhaupt noch fähig wäre, daran gibt es erhebliche Zweifel. Wieder andere glauben, der Kanzler habe noch eine – vielleicht letzte – Chance. Wenn man sich auf die Themen des Alltags konzentriere, wenn man die eigenen Erfolge herausstelle und sie mit der Lebenswelt der Bevölkerung verknüpfe, dann könne es noch einmal etwas werden, heißt es in Gesprächen. Einig ist man sich in der Parteispitze vor allem über eins: Merz hat Zeit gewonnen. Jetzt muss er zeigen, dass er sie nutzen kann.
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