An einem heißen Junitag donnert Melanie „Mach“ Kluesner über den Flughafen in Berlin. Die Pilotin der US‑Air-Force jagt ihren F-35-Tarnkappenbomber senkrecht in den Himmel, lässt ihn nach einem Looping steil nach unten stürzen. Krachend zündet sie den Nachbrenner, beschleunigt mit ohrenbetäubendem Lärm beinahe auf Schallgeschwindigkeit. Weiter unten starren tausende Zuschauerinnen und Zuschauer gebannt auf diesen Ritt einer Höllenmaschine.
Aus den Lautsprechern der Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA) dröhnt an diesem Sommertag 2024 „Welcome to the Jungle“ von Guns N’ Roses. Ein Sprecher ruft auf Englisch: „Erleben Sie ein Symbol der westlichen Freiheit!“ Was die Leute wirklich erleben: das modernste Kampfflugzeug der Welt – inszeniert als bedrohlich-faszinierender Hightech-Zirkus. Ein Machtspektakel, das Amerikas Dominanz demonstriert.
Einkauf trotz Widerstände gegen Bundesregierung
An dieser technologischen Übermacht will die deutsche Bundeswehr schon seit Längerem teilhaben. Die Ampelregierung hatte nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs eilig 35 dieser F-35-Bomber für rund 8,3 Milliarden Euro bestellt. Am Freitag wird der erste Jet in Texas vom Hersteller Lockheed Martin an Verteidigungsminister Boris Pistorius übergeben. Deutschland ist damit einer von 20 alliierten F‑35‑Staaten. Ende 2027 soll das erste Flugzeug vom Flugplatz Büchel in Rheinland-Pfalz starten.
Die Bundesregierung hat sich von Kritik unbeirrt auf ein Kampfsystem festgelegt.
Denn die Unterstützung für das F-35-Programm wackelte zuletzt durchaus. Auch dank industriepolitischer Gegner. Immer wieder bringen sie die Sorge vor zu großen US-Abhängigkeiten als Argument gegen den F-35 ins Spiel. Sogar die Furcht vor einer möglichen Fernsteuerung der Jets aus Washington hält sich hartnäckig – ebenso die Sorge, fehlende Updates oder Ersatzteile könnten die Maschinen flugunfähig machen. Trotz zahlreicher Dementis aus dem Pentagon.
Außerdem fordern Branchenverbände immer wieder, die deutsche Beteiligung an den Lieferketten, Wartungsarbeiten und der Logistik für den F-35 massiv zu erhöhen oder am liebsten im Sinne des Mottos „Buy European“ ein eigenes Kampfflugzeug in Europa zu kaufen. Gerade heute, am großen Übergabetag des Ministers in den USA, hat sich der Luftfahrtverband BDLI wieder in diesem Sinne zu Wort gemeldet.
Airbus selbst trieb als großer Konkurrent des F-35-Produzenten Lockheed Martin die Kritik in regelrechten Kampagnen voran. „Wenn wir die zusätzlichen Verteidigungsausgaben nutzen, um weiter Produkte von der Stange in den USA zu kaufen, zementieren wir unsere Abhängigkeit“, warnte Airbus-Rüstungschef Michael Schöllhorn. Ex-Airbus-Chef Tom Enders spottete: „Niemand braucht eine F-35.“
Die Unsicherheit wuchs durch solche Aussagen im vergangenen Jahr massiv. Portugals Verteidigungsminister Nuno Melo äußerte Bedenken, das Flugzeug noch kaufen zu wollen. Auch Kanada suchte damals nach Alternativen. Und Deutschland?
„Man bindet sich langfristig neu an amerikanische Technologie, an kostspielige Updates, an sehr hohe Folgekosten für Infrastrukturen und hat damit dieses Geld nicht in eigenständige europäische Handlungsfähigkeit investiert“, warnt aktuell der Rüstungsexperte Nico Lange. Und fragt bange: „Kriegen wir von den Trump-USA für die teure Bindung an die F-35 eigentlich politisch etwas zurück oder nimmt man dort das deutsche Geld gern und trampelt bei nächster Gelegenheit doch wieder auf den Deutschen herum?“
Trotzdem: Berlin wackelte nicht beim Kaufwunsch. Das liegt auch daran, dass die Kritik der Industrie vor allem bei deutschen Militärs bis heute abperlt. Ihre Priorität ist eine andere.
Warum die Bundeswehr den Kampfjet F-35 unbedingt will
Längst habe etwa Airbus die Möglichkeit gehabt, beim Projekt einzusteigen, heißt es in Gesprächen mit der WirtschaftsWoche. Dennoch habe der deutsche Flugzeugbauer den Auftrag aus Desinteresse an den Konkurrenten Rheinmetall verloren, das nun eben das Rumpfteil für den amerikanischen Bomber in Weeze in Nordrhein-Westfalen baut.
Auch verweisen sie in der Bundeswehr immer wieder auf die Zeitachse. „Wir brauchen besser gestern als heute das geeignete Instrument, um einen Angriff Russlands zu verhindern und um auf die gerade zunehmenden Aggressionen an der Nato‑Ostflanke zu reagieren“, sagt ein General. Die F‑35? Soll in diesem Sinne „Deutschlands schärfstes Schwert der Abschreckung“ werden. Und kein industriepolitischer Spielball.
Die Logik hinter diesen Aussagen ist von der Kaufentscheidung bis zur heutigen Übergabe dieselbe: Der US-Kampfbomber ist der einzig schnell verfügbare Jet, der eine Atombombe tragen kann, und damit Deutschland nukleare Teilhabe am US‑Atomschirm sichert.
Dazu sei der Bomber das „modernste und durchsetzungsfähigste“ Kampfflugzeug auf dem Markt und habe viele Kinderkrankheiten neuer Entwicklungen bereits überwunden. Mit dem Kauf sei damit ein direktes politisches Signal an alle Gegner der Nato verbunden, dass Deutschland und seine Alliierten jetzt wieder über durchsetzungsfähige offensive Fähigkeiten verfügen. „Etwas anderes wird Putin nicht aufhalten, der gerade zehn Prozent des Staatshaushalts in Rüstungsgüter investiert“, heißt es in Berlin.
Militärischer Zweck, politische Logik
Genauso steckt hinter der Bestellung ein bündnispolitischer Balanceakt, den die Bundesregierung eingeht. Mit dem teuren Kauf der Kampfjets signalisiert Deutschland den USA auf der einen Seite, massiv in die eigene Verteidigungsfähigkeit zu investieren. Dass das ankommt, hat gerade erst das positiv verlaufende Treffen zwischen Pistorius und dem amerikanischen Verteidigungsminister Pete Hegseth gezeigt, der Deutschland als „Musterschüler“ bezeichnete. Gleichzeitig hält der Kauf der Flugzeuge den transatlantischen Partner industriepolitisch fest im Verteidigungsbündnis verankert. Egal, welche Laune Donald Trump im Weißen Haus gerade hat.
Auch technisch versucht Berlin, die USA weiter fest in die Nato zu integrieren. Denn die F-35 solle in der amerikanischen Standardkonfiguration eingeführt werden. Deutschland wird das System weder „germanisieren“ noch technisch in eine eigene Version umbauen. Mit anderen Partnernationen kann die Luftwaffe somit ohne Probleme Teile tauschen, gemeinsame Logistik nutzen und vor allem: Amerikanische Streitkräfte könnten sich im Krisenfall besser auf ein gemeinsames logistisches System in Europa stützen.
Eine zu große Abhängigkeit von einem Sinneswandel in Washington? Bestehe durch die in Büchel stationierten US-Atombomben ohnehin schon, sagen Militärs. So überzeugt ist die Bundeswehr von der F‑35, dass sogar der Kauf weiterer Maschinen erwogen wird, auch wenn noch keine konkrete Zahl oder Bestellung entschieden ist. Platz wäre am Fliegerhorst in Büchel ohne weitere Baumaßnahmen für rund 42 Maschinen. Acht Bomber müssen regelmäßig in den USA für die Ausbildung der Piloten verbleiben. Außerdem könnte es mehr Maschinen brauchen, um trotz Wartungen, Reparatur und Ausbildung genug Flugzeuge einsatzbereit halten zu können.Es sind diese Bereiche, in denen auch die deutsche Industrie durchaus noch Anknüpfungspunkte finden könnte. Wenn sie denn will.
Lesen Sie auch: Nestlé prüft rechtliche Schritte gegen russische Zwangsverwaltung